Wie jeden Tag geht auch heute die Sonne unter, doch heute ist anders – ganz anders.
Mit jedem Stück, das der Horizont vom Feuerball schluckt, schiessen unendlich viel Eindrücke, Erinnerungen und Gedanken durch den Kopf und ich kann mir ein paar Tränen nicht verkneifen.
Natürlich habe ich auch manchmal geflucht. Schweiss, Staub, Sand, Trockenheit, rissige Haut und vor allem lähmende Hitze, haben mir immer wieder zugesetzt. Auch der gewisse Stress mit und in der Wildniss, welcher uns (allen ausser «Ranger» Bruno) Abends begleitet hat, war nicht nur entspannend. Aber da bin ich immerhin für einmal nicht alleine Schisser.
Ich spüre grosse Dankbarkeit und Demut für das, was wir erleben durften und gleichzeitig zereisst es mir das Herz dies jetzt loszulassen.
Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle an Bruno richten. Geliebter Grossvater, Vater, (quasi) Schwiegervater. Wir waren sicherlich nicht immer die einfachste Reisetruppe, aber es war uns eine grosse Freude, dass du uns auf dieser Reise begleitet hast. So viele Geschichten, so viel Wissen und Lehrreiches, ausgezeichnetes Essen, so viel Lachen und sogar ein – äh pardon – zwei Slalom Matches beim Jassen. DANKE ❤️
So schliesse ich wie vor drei Jahren mit den Worten:
Don’t cry because it’s over. Smile because it happened.
Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung wie Jungs von Pink Floyd ihrer Zeit auf diesen Titel gekommen sind, berauschend ist der Anblick aber auf jedem Fall!
Ich weiss, ich habe vor drei Jahren auch über den Sternenhimmel in Namibia geschrieben, aber so ein reiner Sternenhimmel ist nun einmal unglaublich faszinierend und auf alle Fälle einem eigenen Beitrag würdig. Zudem war gerade Neumond und die Kameratechnologie ist in den Handys dank KI soviel besser geworden, dass diese Bilder aus blosser Hand geschossen tatsächlich erstaunlich gut werden, aber alles der Reihe nach…
Heute schlafen wir unter freiem Himmel, ohne Zaun, ohne Feuer (nur am Abend um uns zu wärmen), ohne Wächter. Einfach ein hoffentlich warmes «Bett» unter freiem Himmel. Das klingt nach den bisherigen nächtlichen Erlebnissen absurd, ist aber tatsächlich der Plan. Stattfinden soll das ganze in der Ntwetwe Salzpfanne. Teil eines ursprünglich riesigen Sees, welcher vom Okavango und Sambesi von Norden her mit Wasser gespiessen wurde. Durch Erdverschiebungen vor tausenden vor Jahren wurden die Flüsseläufe verändert. Die entstanden Hebungen haben das Wasser zurückbehalten oder umgeleitet. Der Okavango formte das Delta und liess den artenreichsten Lebensraum der Welt entstehen, der Sambesi bewegte sich ostwärts und stürzt sich seither bei den Viktoriafällen in die Tiefe. Der See trocknete nach und nach aus. Das mitgeführte Salz lagerte sich dabei am Grund des Bodens ab, es entstand die heutige Salzpfanne.
So ist die Landschaft in der Trockenzeit von Juni bis November eine Einöde, in welcher nahezu jegliches Leben ausgelöscht ist. Kein einziges Gräschen wächst da, und so gibt es da auch keine Tiere, nicht einmal Moskitos. Eine Kuriosität beherbergt die Pfanne allerdings. Schon bald unter der Oberfläche ist der Boden nach wie vor feucht und stellenweise sogar nass. In dieser Umgebung liegen millionen von Shrimp Eiern und warten auf den jährlichen Regen. Bei heftigen Regenfällen steigt dann das Wasser in der Pfanne kniehoch. Jetzt erwachen die Shrimp zum Leben und bevölkern das flache Gewässer. Natürlich geschieht die nicht unbemerkt und so ziehen jährlich in der Regenzeit millionen von Flamingos in dieses Gebiet und erfreuen sich ob dem angerichteten Cocktail.
So schreibe ich in dieser Nacht ein modernes Märchen «Der Prinz auf den Shrimp Eiern».
Bevor wir aber die Nacht angehen müssen wir natürlich erst einmal dahin und da es keinen Sinn macht gleich am Rand der Salzwüste zu nächtigen, dauert die Fahrt doch auch wieder seine Zeit.
Der Weg dahin wir uns allerdings von einer Kollonie Erdmännchen versüsst. Die putzigen Tiere kenne ich ja nur aus Filmen oder dem Zolli, aber sie in der freien Natur zu sehen, macht einfach nur glücklich – auch wenn das Schmatzen und Knacken, wenn sie eine Spinne oder einen Skorpion verputzen, den Jö-Faktor doch etwas schmälern. Natürlich sind das keine vollständig wilden Erdmännchen, die wären schneller weg, als ich meine Kamera bereit hätte. Die Kollonie hat seit Jahren einen ständigen menschlichen Mitbewohner resp. Begleiter. So haben sie sich über die Zeit an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt und ergreifen nicht sofort die Flucht. Auf ihr restliches Verhalten hat dies allerdings keinen Einfluss. Sie buddeln fleissig die ganze Zeit nach allem was da kreucht und fleucht und reagieren auf unerwartete Bewegungen oder Geräusche nach wie vor sehr aufmerksam und scheu.
Nach einer guten Stunde verabschieden wir uns von der Kollonie und fahren zum nächsten Ereignis. Len und J werden die letzten paar Kilometer auf Quad Bikes zurücklegen. Milo und ich dürfen/wollen/müssen die restliche Strecke im Jeep verbringen. Eine rasant-staubige Angelegenheit…
…dann sind wir endlich da, wir beziehen unser Nachtlager.
…ohne Worte…
Tatsächlich, wir haben überlebt und wurden nicht gefressen. Mit Stolz zähle ich ab sofort auch zu den Boduinen.
Als seriöse Grösse im Blogging Business, habe ich natürlich auch meinen passenden Namen in der Szene: B.(l.)O.(g.)
Mit der wachsenden Leserschaft kommt steigende Verantwortung, sowohl in sozialen, wie auch ethischen Belangen.
Umso mehr freut es mich, wenn einige treue Leser:innen sich meiner Probleme annehmen und sich in schwierigen Zeiten für pragmatische Lösungen einsetzen. Auf die Aspekte der Kinderarbeit möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen, denn das Resultat überzeugt!
Ich bin ja selbst Herrscher des Chaos, aber das toppt sogar mich (ich schalte an dieser Stelle die Kommentarfunktion für J auf stumm). Drei unterschiedliche Schlösser benötigen in aller Regel drei unterschiedliche Schlüssel soweit so gut. Aber der Schlüsselbund hier lässt jeden Hauswart vor Neid erblassen.
Wie gesagt, drei unterschiedliche Schlösser und natürlich passen nur zwei dieser Schlüssel. Besonders viel Spass macht das alles bei Nacht im Licht der Stirnlampe, da scheinen die möglichen Kombinationen exponentiell zu wachsen.
Ich bin also maximal Mittelmass was das Chaos anbelangt, da ist noch Luft nach oben…
Der Besuch im Moremi vorbei. Reich beschenkt mit einer Fülle an Eindrücken und Erinnerungen sitzen wir beim Frühstück. Unglaublich, dies zu erleben – dies erleben zu dürfen.
Auf dem Weg aus dem Delta zurück in die Stadt wechselt die Strasse von Sand und Schotter zu Asphalt, nur die Schlaglöcher bleiben. Wie immer, wenn wir von befestigem auf unbefestigten Untergrund (oder umgekehrt) wechseln, heisst es den Reifendruck anzupassen. Während der Kompressor knattert und zischt, steht auf einmal ein kleiner Junge neben mir. Barfuss, die schwarzen Hosen wirken im eingefangenen Staub und Sand braun, sein blaues Hemd so gut es geht in einem Stück.
«Hello Sir, I’m thirteen years old. I’m in the 6th class. I’m the best in my class…»
Seine charmante Art ist gewinnend und es entsteht ein kleiner Smalltalk. Len sitzt derweil im Auto und hat auf mein Geheiss die Türen im Überblick.
«…but we are all very hungry, and my aunt is ill. She was so strong and now…»
Geduldig steht er neben mir und wartet in der prallen Mittagssonne, bis alle vier Reifen den nötigen Luftdruck haben und das Keuchen und Zischen verstummen. Wir sammeln in den Auto zusammen, was wir noch an Snacks finden. Grosse Vorräte haben wir ja selbst nicht mehr. Ein paar Datteln hier, ein paar Cracker da. Aus dem Fundus an Kleidern, die wir abgeben wollen, suchen wir das eine oder ander passende Stück. Inzwischen steht der Junge natürlich auch nicht mehr alleine da und wir versuchen die bittenden Hände gleichermassen zu berücksichtigen. Viel ist es freilich nicht und Geld wollen wir weder verteilen noch sichtbar machen.
Der kleine Junge, der sich nun ja eigentlich um den vollen Lohn seiner Bemühungen betrogen sehen könnte, winkt uns bei der Weiterfahrt mit einem Lächeln nach. Len indess sitzt nachdenklich auf dem Beifahrersitz.
«Papa, das fühlt sich schon komisch an, wir sind gleich alt, aber ich sitze hier einfach im Auto und helfe nicht und höre ein Asterix Hörspiel, während die anderen Kinder da draussen betteln müssen.»
…und die Tierchen kamen. Unsichtbar, aber durchaus hörbar. Ein bunter Mix aus unterschiedlichen Lauten begleiteten uns durch die Nacht. Am Morgen dann gleich unten an unsere Leiter auch sichtbare Zeugen der Nacht – spooky!
Doch keine Zeit, die ersten Sonnenstrahlen sind bereits zu sehen, höchste Zeit, dass wir zusammenpacken und rausfahren.
Aber auch da sind wir nicht alleine. Noch während wir die Zelte einklappen rennt ein Rudel Wildhunde direkt auf uns zu und dreht erst kurz vor uns ab. Begeistert schauen wir ihnen nach…
Beim nächsten Gast allerdings, verziehen wir uns in Ehrfurcht ins Auto.
Direkt neben unserem Auto ziehen zwei Elefanten mit Kalb vorbei. Ich weiss nicht wann unsere Familie zuletzt so ruhig war. Als dieser riesige Schädel direkt neben der Fahrertür auftaucht und das grosse braune Auge uns direkt anschaut, hören wir unseren eigenen Herzschlag, OMG, was für ein Gefühl.
OMG, dachten wir später an diesem Tag noch einmal. Im Zelt liegend «verdauen» wir, was wir gerade erlebt haben. Vor ein paar Momenten sassen wir noch am Lagerfeuer. Da bewegt sich ein Schatten. Was war das? Alle Lampen an und in besagte Richtung. Zwei Augen blitzen in der Dunkelheit auf, Besuch!
Leichte Unruhe bricht aus. Len ist zum Glück bereits im Zelt. J und Milo springen ins Auto. Bruno und ich stehen mit Stock bewaffnet da, schreien und rufen den Eindringling an – eine Hyäne!
Unsere Drohgenärden zeigen Wirkung, das Tier schlägt einen Haken und verschwindet hinter dem Auto. Wir bewegen uns in Richtung Kofferraum und da kommt die Hyäne schon ums Eck. Wieder bellen wir, wieder schlägt das Tier einen Haken und verschwindet hinter dem zweitem Wagen. War’s das? Mit unseren Lampen suchen wir. Wo sind diese reflektierenden Augen? Da erblicken wir das Tier, wie es versucht unter dem Wagen durchzukriechen. Jetzt aber!
Noch einmal Bellen wir, noch einmal klopfen wir mit den Stöcken auf den Boden. Endlich zieht das Tier ab, zumindest für den Moment.
Bei unserem Kontrollgang ums Auto leuchten wir in die Ferne. Im Lichtkegel unserer Lampen blitzen weitere Augen auf, höchste Zeit auch für uns, nun in die Zelte zu kommen.
…bald geht’s los. Das meiste ist gepackt und irgendwie blicke ich ungewohnt gelassen auf das was kommt. In regelmässigen Abständen gehe ich meine Checkliste durch, aber ich scheine tatsächlich mehrheitlich ready zu sein. So langsam breitet sich eine grosse Vorfreude in mir aus. Das wird grossartig!
Die Route ist – zumindest auf dem «Papier» – auch klar. Natürlich müssen wir die Passierbarkeit der einzelnen Strecken mit den Gegebenheiten vor Ort abgleichen, aber da es gegen Ende der Trockenzeit geht, sollte das mehrheitlich wie geplant machbar sein.
Verglichen mit unserem Roundtrip in Namibia vor drei Jahren, ist die Strecke rechnerisch rund 1’000km kürzer. Natürlich werden einzelne Abschnitte aufgrund des unwegsameren Geländes über Stock, Stein und Sand mehr Zeit beanspruchen, versprechen aber auf alle Fälle mehr Nervenkitzel, Abenteuer und Spass! Mal sehen ob ich mir in naher Zukunft zu diesem Thema nochmals übers Maul fahre…
Wie eigentlich immer vor einer grösseren Reise checkt mein Hirn im Stillen (und manchmal etwas lauter) die möglichen Gefahren des Reiseziels. Während andere sich freudig mit tollen Bildern oder Filmen der Traumdestination befassen, tauche ich in die bürokratisch nüchterne Sachlichkeit der EDA Homepage. Terrorismus und Entführungen, Erdbeben, Radioaktivität, nein, nein, nein, aaaah, da endlich: «Reisen nach Botsuana gelten grundsätzlich als sicher.»
Did you know?
Der offizielle Name von Botswana lautet Republik Botsuana, weit gebräuchlicher, auch im Deutschen, ist allerdings die Schreibweise Botswana.
Das erfreut ja schonmal grundsätzlich. Keine Bandenschiessereien, keine Entführungen und kein AKW, welches strahlend in der Landschaft steht. Doch natürlich sind da noch ein paar naturbedingte Urängste, die mehr oder minder Relevanz haben. Wären da…
Malaria
Verdammte kleine Mücke. Reicht es nicht, dass du mir hier in Reinach von Zeit zu Zeit schrill quietschend den Schlaf raubst, jetzt hast du noch eine zweite Superwaffe dabei? – Quasi eine Ulti, damit die allenfalls jüngere Leserschaft an dieser Stelle nicht abreisst.
Nun denn, dagegen hilft wohl nur Vorsicht. Möglichst nicht stechen lassen, helle lange Kleidung (wahlweise mit einem Insektenschutz imprägniert) und als Notnagel eine vollbepackte Reiseapotheke. Check.
Grösseres Getier und weitere Ängste
Zugegeben, da spielen in erste Linie drei fromme Wünsche mit:
wir brauchen die Dinger gar nicht
wenn wir sie brauchen, dann bringen sie was
sie verkommen nicht zum Spielzeug und machen uns während der Fahrt oder im Zelt taub
Vermutlich wird Punkt drei eintreffen und ich schenke die Tornados (mit kleiner diebischer Freude) einem fremden Kind, welches mir über den Weg läuft. Aber was soll ich machen verdammt, so ein Spaziergang durch den Transa funktioniert wie der Besuch im Baumarkt. An jedem zweite Regal liegt was und flüstert leise (auf einer nur für Männer hörbaren Frequenz) «…komm her, schau mich an, du brauchst mich, du weisst es – NIMM MICH!!!». Unweigerlich beginnen im meinem Kopf kleine Trickfilme zu laufen, bei denen die Frau mit dem Nudelholz hinter der Türe steht und wartet bis der Mann durch diese nach Hause kommt. Das «NIMM MICH!!!» hat am Ende gesiegt und noch an der Kasse überlege ich mir, wie ich die Dinger am besten platziere. Vermutlich erst den Kindern zeigen und Begeisterung wecken, das könnte klappen, jawohl, so mach ich das…
Ich muss mal
Zu guter Letzt noch ein wirkliche «Gefahr». Potenziell nicht letal, aber trotzdem mit einem gewissen Impact auf die Gemütlichkeit. Kaum ist nämlich das Bierchen am Lagerfeuer leer, beginnt mit einsetzender Dämmerung die Zeit der Tiere. Für uns bedeutet das je nach Umgebung mehr oder minder zügig in unsere Zelter zu krabbeln. Freilich krabbelt das Bierchen mit aufs Dach und will da hoffentlich auch bis zum nächsten Morgen bleiben. Fall das aber nicht gelingt, muss der mutige Jonhy Wee zur Tat schreiten. Wer jetzt an einen Song der Hooters denkt liegt falsch, wobei «Jonhy Wee, how much I have to…» an dieser Stelle auch gehen würde.
Ich oder mein Hirn haben ja zu Beginn immer automatisch ‚Johnny Wee *höhö!*‘ gelesen. Das ‚höhö‘ gehört dabei freilich zur Leseart, aber das Dingens heisst tatsächli ‚Jonhy Wee *hääää?*‘ Ein Mix Johnny und Yoni oder was genau? Zumindest wäre dann auch der Name unisex, aber die Auflösung geht in eine ganz andere Richtung.
Das Wort JOHN – ein altmodischer Begriff aus dem Englischen für Toilette, HY -die ersten Buchstaben von Hygiene und WEE – ein umgangssprachlicher Begriff für Pinkeln, den selbst die Kleinsten im Englischen verstehen, bildeten den neuen Namen – Jonhy Wee
Na denn, ich hoffe an dieser Stelle, dass die mein letzter Post über Jonhy war und ich nun für sämtlich menschlichen und übermenschlichen Gefahren und Ängste gewappnet bin. Let the saga continue…
Was mit solch klingenden Worten angekündigt wird, muss gut werden…
Ok, wie immer erst einmal, lesen, impfen, einkaufen, besprechen, buchen, besprechen, umbuchen, kontrollieren, einmal, zweimal, dreimal, passt – zumindest bis jetzt. Natürlich fehlen noch ein paar Dinge, aber es ist ja auch noch ein wenig Zeit. Noch 24 Tage. Am 25.9.2024 geht’s los. Um genau zu sein, steht auf dem Ticket «Sep 25, 2024 18:20 – 12:35 + 1» – oder anders, Basel-Frankfurt-Johannesburg-Maun. Wir sind also erst einmal ein Weilchen in der Luft und was ich davon halte, habe ich ja bereits erzählt…