Was mit solch klingenden Worten angekündigt wird, muss gut werden…
Ok, wie immer erst einmal, lesen, impfen, einkaufen, besprechen, buchen, besprechen, umbuchen, kontrollieren, einmal, zweimal, dreimal, passt – zumindest bis jetzt. Natürlich fehlen noch ein paar Dinge, aber es ist ja auch noch ein wenig Zeit. Noch 24 Tage. Am 25.9.2024 geht’s los. Um genau zu sein, steht auf dem Ticket «Sep 25, 2024 18:20 – 12:35 + 1» – oder anders, Basel-Frankfurt-Johannesburg-Maun. Wir sind also erst einmal ein Weilchen in der Luft und was ich davon halte, habe ich ja bereits erzählt…
Ein kultureller Höhepunkt einer jeden Reise sollte das Essen sein. Gemeint ist dabei natürlich die typische Landesküche und nicht der oft rettende Italiener ums Eck. Es ist allerdings nicht ganz einfach das typische lokale Essen herauszufiltern. Viele der Gerichte sind aus anderen Landesküchen vergleichbarer Breitengraden bereits bekannt und muten übernommen an. Wer aber jetzt, was, wie, wo, wann zuerst zubereitet hat, ist wohl kaum zu klären – zumindest nicht, ohne grössere Debatten vom Zaum zu brechen. Allerdings lassen die geografische Lage und die starken Einflüsse aus Indien die eine oder andere Vermutung zu, stechen sie doch etwas aus dem mir bekannten Muster arabischer Speisen heraus. Für uns bedeutet dies aber ein breites Angebot unterschiedlicher Einflüssen, Geschmäckern und Kulturen – mjami!
Eine Freude ist der hohe hygienische Standard, welcher wohl auch regelmässig kontrolliert wird. Er erleichtert die Entscheidung, dass wir uns getrauen uns über die Strasse, gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung zu ernähren.
Street Food – einfach aber lecker
Das Angebot ist da allerdings überschaubar und bis auf kleine Abweichungen, bieten alle Stände mehr oder weniger die gleichen Speisen an. Das Grundangebot besteht aus Mishkak, kleinen Fleischspiessen in den Geschacksrichtungen Rind, Huhn, Shrimp und Kalmar. Die Spiesse erhalten jeweils eine eigene Würzung und werden direkt über der Holzkohle gegrillt. Dazu wird Chapati gegessen. Ein einfaches Weizen Fladenbrot welches in Stücke gerissen und jeweils um einen kleinen Happen Fleisch gewickelt wird. Gegessen wird direkt mit der Hand. Manch ein Stand hat noch Mais für auf den Grill, dann ist’s das auch schon mit Gemüse. Kein Wunder lieben die Kinder dieses einfach aber durchaus schmackhafte Essen und wir haben die ersten Tage kaum eine Chance, sie von etwas anderem zu überzeugen.
happy kids = happy parents
Die Neugier auf kulinarische Erkundungstouren scheint dieser positive Einstieg allerdings geweckt zu haben. Heute essen wir traditionell arabisch. Traditionell essen heisst in diesem Zusammenhang aber auch Warlord Bo und die Männlichkeit. Irgendwie endet diese Begegnung immer gleich und so werden wir ins Familienseparee geleitet. Der Hauptspeisesaal ist ausschliesslich den Männern vorbehalten.
unter uns im Familienseparee
Der kleine Raum, in dem wir uns wenig später finden, versprüht den Charme einer Besuchszelle im Frauenknast. Auch die Kinder lächeln artig, und freuen sich, dass sie Mama endlich wieder einmal besuchen dürfen. Was uns fremd anmutet, ist hier aber gang und gäbe und nicht nur ein Auffangbehälter für Ungläubige. Auch der «Wärter» ist ausserordentlich freundlich und geduldig. Mit drei Worten Englisch, Händen und bebilderten Speisekarten bestellen wir. Auch hier wird eigentlich wieder mit den Händen gegessen, aber wir bekommen dankenswerter Weise noch ein paar Löffel dazu. Geschmacklich offenbart sich uns hier keine neue Welt. Den Kindern ist das Essen zu scharf und auch wir empfinden es eher auf der würzigen Seite. Alles in allem schmeckt es gut, aber wir würden keine Umwege dafür in Kauf nehmen. Aber da geht sicherlich noch mehr. Mal sehen was die weiteren Tage noch für lukullische Überraschungen bereithalten…
Ankunfttage sind seltsam. Als wir 6:20 Uhr Lokalzeit den Flieger verlassen, ist/wäre es zuhause im schnuggeligen Bett erst 4:20 Uhr. Ohhhh, wie verlockend tönt das jetzt, denn um ernsthaft zu schlafen war der Flug viel zu kurz. Die erzwungene Verpflegung in Form von «Abendessen» zögert das Lichterlöschen unnötig hinaus. Gefühlt bin ich endlich gerade eingenickt, da werde ich schon wieder an der Schulter wachgestupst. Vor der Nase wird mir eine Schachtel «Frühstück» angeboten. Im Halbsschlaf greife ich zu. Brrrr, mir ist kalt. Eingemummelt in mehrere Decken und unter der Jacke ausgestopft mit Kissen sitze ich da. Haltsuch, Nackenkissen, Noise-Cancelling Kopfhörer und darüber die Kaputze gezogen – aber hey, kein Jammern und kein Klagen. Aber vielleicht getraue selbst ich mich nicht, in diesem Outfit noch einen drauf zu setzen…
Noch immer halte ich die lauwarme Schatel in meinen Händen. Warum nur habe ich zugegriffen? Ich öffne die Schatel. Warum nur habe ich zugegriffen? Vor mir trieft und sabbert eine fettige Rolle in der Schachtel. Debatten über Food Waste schiessen mir in den Kopf. Die Kopf-Arena dauert nicht lange, mein Zustand lässt derzeit keine fundierten Erörterungen zu. Da hilft nur eins Augen zu und reinbeissen. In meinem Mund breitet sich eine undefinierbare Masse undefinierbaren Geschmacks aus, meine Gesichtszüge entgleiten mir kurz und die Arena schliesst heute unerwarte früh und für einmal einig. «Dies meine Damen und Herren ist kein Food, das ist Waste!»
Das sind Beschleunigungsstreifen unter den Augen!!!
Immerhin, der Flug ist pünktlich gelandet. Immigration dauert keine zehn Minuten und in der Ankunftshalle hats echten Kaffee. Da die Flugreise bekanntlich eine eigene Disziplin ist, kann das Abenteuer Oman endlich beginnen.
Durch Schaden wird Mann klug. Bekanntlich geht das aber auch mit Erfahrung. Wenn sich das nun noch mit meiner natürlich angediehenen Altersweisheit und dem kleinen (ja, kleinen) Klugscheisser in mir multipliziert, bestenfalls gar potenziert, puhhh, dann,… zieh dich warm an Einstein, ich komme!
Vorerst muss Einstein sich aber noch einen Moment gedulden, denn in drei Tagen heisst es: Oman, wir kommen!
Eigentlich wäre diese Reise ja vor über zwei Jahren angedacht gewesen. So quasi als lockeres Aufwärmen inkl. Stretching für den Reisenörgler, um ihn gezielt auf Namibia vorzubereiten. COVID hatte damals aber mächtig was dagegen und hat so quasi als Amuse-Bouche seiner unnötigen Regentschaft die Flüge kappen lassen. Nun den, aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben. Diesmal oder nie. Noch drei Tage to go…
Die letzte Nacht ist vorbei. Die Stimmung ist bedrückt, das Ende der Reise nah. Reich beschenkt mit unzähligen Glücksmomenten, Bildern, Eindrücken. Eine fantastische Welt, welche wir bis anhin nur von Filmen, Büchern und Bildern kannten, wurde (be)greifbare Realität. Zeit für ein wenig Dankbarkeit und Wehmut zugleich.
Das «Katerfrühstück» gibt’s zur Ausnahme im Bett. Es ist wunderschön zu sehen, wie sehr die Buben diese Welt aufgesaugt, gelebt und geliebt haben, und ihr Abschiedschmerz treibt auch mir ein Kloss in den Hals…
Mit allem Tagestrips, Safari- und Irrfahrten, stehen zum Schluss 2’719km zu Buche und obwohl wir so unheimlich viel gesehen haben, ist da no soooo viel mehr…
Bei unserem letzten Kaffeestopp hängt ein kleines Schild über der Tür:
Weine aus Südafrika sind schon lange kein Geheimtipp mehr und stellen eine feste Grösse im internationalen Weinbusiness. Weine aus Namibia hingegen sind zum einen sehr selten und somit ebenso unbekannt. Weil wir gerade in der Gegend waren, haben wir heute spontan unsere Zelte auf dem Weingut der ‚Boshoff Family Wines‘ aufgeschlagen. Weinberge inmitten der Landschaften der letzten beiden Wochen muten auf den ersten Blick sehr fremd und deplatziert an, schön anzusehen sind sie trotzdem.
Begleitet von selbstgemachten Köstlichkeiten präsentiert uns Tamara am Abend liebevoll die aktuelle Kollektion. Wir probieren und von weiss – zu rosé – zu rot – zu süss – zu hochprozentig – zu palüm-palüm. Ich schreibe morgen weiter…
Eine Weinbaufaustregel besagt, dass die klimatischen Bedingungen zwischen dem 30sten und 35sten Breitengrat ideal wären. Wir befinden und hier auf dem 19ten (südlichen), also viel zu weit nördlich. Entsprechend heisst es experimentieren welche Trauben hier klar kommen und was allenfalls noch ein brauchbares Desinfektionsmittel ergibt.
Die vorgestellten Weine sind durchs Band gut trinkbar, haben alle ihren eigenen Charakter und bringen auch die Assemblage der Trauben schön zur Geltung (soweit ich das beurteilen kann). Ich würde mir jetzt wohl nicht gerade den Keller damit füllen, aber hier und heute (also gestern) schmecken mir die Weine.
Die Etiketten und der Name der Kollektion treffen nicht unbedingt meinen Nerv. Die Erklärungen warum und wie diese Kollektion so gestaltet wurde, machen schon Sinn, sprechen mich aber trotzdem nicht unbedingt an. Der Etikettentext besagt folgendes:
Our adventurous Katholischer range tributes the German Catholic priest that laid the foundation, end of the 19th century, for the small Namibian Wine Industry. We want to honor their pioneering spirit for producing the first Namibian Wine and Schnapps more than 100 years ago, called «Katholischer»
Böse Zungen würden jetzt fragen, welchen Einfluss dieser Pioniergeist auf die Wochenendsprohibition hatte, aber ich bin jetzt mal nicht so…
In hartem Kontrast zu nass & kalt waren die Tage in der Wüste heiss & trocken. Knappe sechs Autostunden südlich von Swakopmund stehen wir in einer anderen Welt. Karg, sandig, trocken, heiss. Der Blick in die Ferne ist dunstig, die Klimaanlage surrt auf Hochtouren, das lauwarme Wasser rinnt literweise die Kehle hinunter.
Lange bleibt sich der Anblick treu. Dann auf einmal türmen sich Sanddünen am Horizont ins Bild. Bis zu 388m hoch sollen manche werden, unglaublich. Hitze und Sand – alles andere als meine Terrain.
…Sand, Sand, Sand…
…Sand, Sand, Sand…
Unser kleiner Wüstenmarsch zum Dead Vlei und zurück zum rettenden Auto ist knapp drei Kilometer lang. Fühlt sich aber irgendwie nicht gesund an – wobei die Jungmanschaft das anscheinend anders sieht.
Dann endlich angekommen. Der Dead Vlei war einst der Endpunkt des Tsauchab River bevor die Dünenbewegungen den Wasserlauf verändert und so einen Trockensee hinterlassen haben. Einzelne der staubtrockenen Baumreste sind über 900 Jahre alt. Ringsum- oh Wunder – Sand, Sand, Sand…
Wirklich erstaunlich, dass gewisse Pflanzen diesem unwirklichen Lebensraum trotzen und es ihnen anscheinend wirklich «gut» geht.
Innert einem Jahr hat in Namibia eine Fläche von 580’480ha gebrannt. Das entspricht in etwa einem Rechteck mit einer Länge von knapp 5805km und einer Breite von 1km. Das wäre so in etwa ein 1km breiter Streifen von Madrid nach New York. Ganz schön gross. Im Vergleich dazu haben die Flammen in Griechenland in diesem Jahr 60’000ha verschlungen.
Und wieder was gelernt. Von Samstag 13:00 Uhr bis Montag 9:00 Uhr darf in Namibia kein Alkohol verkauft werden – der Ausschank in Restaurants ist davon nicht betroffen. Die Wochenendsprohibition (wie ich das nenne) soll verhindern, dass die (mehrheitlich) Männer den am Freitag erhaltenen Lohn nicht direkt in Alkohol investieren und das Geld bei der Familie und nicht in der Flasche landet.
Um einer akuten Unterhopfung vorzubeugen, haben wir natürlich vorgesorgt.
Nach sechs Nächten im Zelt ist zur Abwechslung eine Lodge dran. Ohne Sand an den Füssen ins Bett, wieder einmal gründlich duschen, rasieren und huhu, es hat sogar ne Body Lotion. Ich fühle mich gerade wie ein Sultan in seinem Palast – nur der Harem scheint irgendwie vergessen gegangen. Egal, für heute bin ich mal ziemlich zufrieden! Wir haben zwei Zimmer. Nach meinem Plan ergibt das ein Zimmer für den Schwiegervater mit den beiden Enkel und eines für J und mich – und ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.
Zugegeben, ich bin schon manchmal ein Luxus-Chick und fühle mich gut, frisch geputzt und in frischen Kleidern, den Sonnenuntergang bei einem Roibosch Gin Tonic zu geniessen, und mich anschliessend an einen gedeckten Tisch zu setzen – herrlich.
Aus einem Gin Tonic wurden zwei, dann noch ein Gläschen Wein, gutes Essen und hui, heiter – lustig – trallala. Jetzt möchte ich eigentlich nur noch ins Bett und Briefmarken anschauen. Los Kinder, Zähne putzen, hier das Pyjama, ein Gutenachtschmützli und jetzt raus hier! Die Gemächer des Sultans wurden zudem herlich für die Nacht hergerichtet. Dezent schimmerndes Licht, das Insektennetz kustvoll um die weissen Bettlaken drapiert, 1001 Nacht ahoi. Ich putze die Zähne und summe lustig vor mich hin «…you can leave your hat on *dütütü-tü-tü-tüüüüüü*…». In heiter-lustigem Zustand ist so ein Schleusensystem von Insktennetz eine knifflige Sache, aber irgendwie schaffen wir es beide auf die andere Seite und liegen endlich flauschig gebettet da. Die Nacht könnte eigentlich kommen, aber als modernes Paar nutzen wir natürlich die Gegelgeheit um unsere Smarphones zu checken, schliesslich haben wir endlich wieder einmal ein mehr oder weniger stabiles WiFi.
Hoppla!
Egal, die Heuschrecken hier sind gross, aber solange sie ausserhalb des Netzes sind und mir in der Nacht nicht auf der Nase tanzen, sind sie mir ziemlich egal.
Hoppla!
Aber diese Exemplar ist doch schon richtig gross. Och, come on, was klettert das doofe Vieh jetzt am Netzt rum…
Hoppla!
Runtergefallen, sag ich doch, doofes Vieh! Ich setze mich auf, beuge mich zur Bettkante und suche mit der Taschenlampe nach dem Tierchen.
Hoppla!
Verdammt, das Tierchen ist wirklich gross, das Tierchen ist verdammt schnell und das Tierchen ist definitiv keine Heuschrecke!!! Och nööööö, wenn Insektengetier‘ eine bestimmte Grösse haben, bekommen sie einen eigenen Namen. Dieses Exemplar hier bekommt sogar noch einen Adelstitel, verdammter King George, was suchst du in meinem Palast?!
Hoppla!
King George habe ich unterdessen als eine irre schnelle, monströs grosse und ziemlich wirr umherrennende Spinne identifiziert. Definitiv Zeit, dass ich J mal update wie sich unsere Heuschrecke so entwickelt hat. In diesem Moment biegt King George scharf rechts ab und rast pfeilgerade auf unser Bett zu. Mayday, mayday, mayday, keine Sekunde bis zum Einschlag.
HOOOOOOOOOOOOOPPLAAAAAAA!!!
Das Netz zittert kurz – von George keine Spur mehr. Unsere letzte Verteidigungslinie ist gefallen. George ist unter dem Bett auf welchem J und ich unterdessen stehen und quieken – Panik!
Der Sultan ist unterdessen längst abgereist und hat dem Schisser wieder seinen Platz überlassen. Was nun? Schlafen mit King George unter dem Bett? Niemals! J und ich prüfen kurz die Optionen. Nö, nein, sicher nicht, das geht auch nicht. Ich habe mich unterdessen wieder auf die andere Seite des Netzes gewagt, J steht noch auf dem Bett. Nach kurzer Beratschlagung gibt es nur eine Lösung. Ich ziehe mir eine Hose über. Jetzt noch J aus der Falle bekommen und dann nix wie weg!
Endlich liegen wir wieder im Bett. Die Aufregung hat sich ein wenig gelegt, die Panik ist gewichen und wir lachen über das gerade Erlebte. Jetzt nur noch schlafen. Auf dem Parkplatz vor der Lodge knipsen wir in unserem Bush-Camper das Licht aus – gute Nacht!
Nachtrag: weder der Sultan noch der Schisser haben daran gedacht, brauchbare Bilder zu schiessen. King George wurde unterdessen als Walzenspinne identifiziert und wird sicherlich noch so manchen Gästen viel Freude bereiten.
Der Sultan seinerseits gilt seit dem Zwischenfall als vermisst. Es sieht ganz so aus, als ob der Schisser die restlichen Tage mit mir verbringen wird, das kann ja heiter werden… Jetzt erstmal Kaffee am Wasserloch und Impalas beobachten, das scheint ungefährlich.